|
|
|
||
|
|
|||
| Kahlschlag (von Barbara@Gantenbein.de) | |||
| So ganz sicher bin ich mir nicht, wann mir die erste
Veränderung aufgefallen ist. Vermutlich beim vor-vorletzten Besuch. So oft bin ich ja nicht da. Muss ich auch nicht, mit meinen langen Haaren. Drei, vier Mal im Jahr vielleicht. Spitzen schneiden, mal einen Spliss-Schnitt, aber das ist auch schon das Äußerste. Wenn ich nicht schon seit zwölf Jahren zu Stefan Rother gehen würde, hätte ich gar nichts gemerkt. Aber nach so langer Zeit, da kennt man sich eben, auch wenn man sich nicht so häufig sieht. Am Anfang war es mehr so eine atmosphärische Änderung. Es wurde weniger gelacht. Es dauerte länger, bis ich meinen Kaffee, schwarz, und mein Wasser, still, bekam. Dafür ging es schneller, einen neuen Termin zu machen. Und der Small Talk, unverzichtbarer Teil eines Friseurbesuchs, wurde, nun ja, mühsamer. Nicht, dass mir das wirklich stören würde. Wenn ich ehrlich bin, dann sitze ich am liebsten ruhig da, mit halbgeschlossenen Augen, döse vor mich hin, lese – bestenfalls – den neuesten Klatsch in der Gala oder der Bunten. Gut, ich genieße es sehr, mir die Haare waschen zu lassen. Vorausgesetzt, das Wasser ist weder zu heiß noch zu kalt. So eine professionelle Kopfmassage, ahh, herrlich! Das ist immer der beste Teil. Vor allem, wenn Patrizia da ist. Die ist, glaube ich, von Anfang an dabei. Die rechte und die linke Hand vom Chef. Wirklich gut. Ich hab ja immer nur den Chef schneiden lassen, vielleicht albern, wenn’s nur um die Spitzen geht, aber mir war das lieber. Nur einmal, das muss jetzt schon zwei Jahre her sein, war er plötzlich krank geworden, da hat Patrizia mir die Haare geschnitten. Ich hab’s dem Rother nie gesagt, aber die konnte das besser als er. Ich hab dann trotzdem immer wieder Termine bei ihm gemacht, irgendwie wäre mir das peinlich gewesen, plötzlich nur noch zu Patrizia zu gehen. Und so wichtig ist es ja auch nicht. Aber ich hab ein paar Mal gedacht, wenn ich wirklich mal was anderes ausprobieren wollte, dann wäre mir Patrizia lieber. Es ist ein kleiner Salon, drei Wasch- und sechs Schneideplätze. Gute Lage, mittlere Preise, kein Chichi. Nennt sich nicht „Coiffeur“ oder trendy „Feinschnitt“ oder „First Cut“, sondern ganz bodenständig „Friseursalon Rother“. Das hat mir immer gefallen. Ich steh nicht so auf Schnickschnack. Die sollen ihr Handwerk beherrschen, mir kein Ohr abschwatzen und ich will mir dort auch nicht den Hintern breit sitzen. Es gibt ja Friseurläden, da gehört es zum guten Ton, dass man unter drei Stunden nicht wieder rauskommt. Selbst bei so nem Pillepalle wie meinem Spitzenschnitt. Dauerwellen oder Strähnchen dauern dort den ganzen Tag – lächerlich. Dafür tüddeln dann Heerscharen von Jungfigaros um einen rum und man wechselt mindestens sechsmal den Platz. Das ist okay für Leute, die auch mal wichtig sein möchten. Mich macht das wahnsinnig. Bei Rother kommt man rein, kriegt seinen Platz, muss nur einmal zum Waschen aufstehen und hat ansonsten seine Ruhe. Er war auch immer sehr nett. Riecht das, ob man Redebedarf hat oder nicht. Am Anfang war ich mir nicht sicher, ob er schwul ist oder nicht. Ist ja so ein Klischee, alle Friseure sind schwul. Rother ist eine Ausnahme. Also jedenfalls ist er nicht schwul. Er hat einen Sohn. Den muss er am Wochenende immer zum Fußball begleiten, das findet er schrecklich. Erstens interessiert er sich nicht für Fußball und zweitens regnet es meistens. Würde mir auch stinken. Sonst ist er ziemlich gut informiert, interessiert sich für eine Menge Dinge und hat eine erstaunlich gute Allgemeinbildung. Vermutlich macht es ihn deshalb auch kirre, wenn seine Azubis Albanien für die Hauptstadt von Jugoslawien halten oder so was. Die hauen Sachen raus, da glaubt man, gleich kommt einer mir ner versteckten Kamera um die Ecke. So dämlich kann eigentlich keiner sein. Aber Rother bildet aus, so weit das bei dem Ausgangsmaterial überhaupt möglich ist. Irgendwann habe ich dann gesehen, dass er zugenommen hat. So um die Hüften rum. Er hat ohnehin keine so ganz glückliche Figur für einen Mann. Nicht, dass er dick wäre. Eher schlaksig, aber mit etwas zu breiten Hüften. Von Natur aus. Und einer leichten Hühnerbrust kombiniert mit einem angedeuteten Rundrücken. Also, athletisch ist der Stefan Rother nicht. Verlangt ja auch niemand von einem Friseur, aber es fällt halt auf. Na ja, und dann noch diese paar Pfund mehr. Es fiel eben auch auf, weil er da gerade diesen neuen Azubi eingestellt hatte, Dennis. Der ist zwar dumm wie Stulle, aber ein Hingucker. Muckibude, wohldosiert, hübsches Gesicht, Frisur und kunstvoll gezüchtetes Bärtchen wie dieser Fussballer, Kevin Kuranyi, und so lange er nichts sagt, kann man ihn gut seiner Nähe haben. Wie auch immer. Irgendwann sah ich dann mal im Spiegel, wie Rothers Unterlid zuckte. Er steckte mir gerade eine Haarsträhne auf dem Oberkopf fest. Das Zucken hörte aber auch nicht auf, als er die Strähne darunter kürzte. Bindehautentzündung, dachte ich. Der Salon war ziemlich leer und etwas zugig. Beim darauffolgenden Mal geschah etwas Merkwürdiges. Stulle, also Dennis, hatte die Tönung bei einer alten Dame versaut. Statt schneeweiß kam sie leicht violett vor zur Kasse. Konnte ich auch wieder im Spiegel sehen. Der Rother kassierte die Dame kommentarlos ab – ich glaube, die hatte so starken Star, dass sie sowieso nicht gemerkt hat, dass ihre Farbe, na, sagen wir, speziell ausgefallen war – und dann schnappte er sich den Dennis und faltete ihn so richtig zusammen. Und dann fing er an zu kichern. Ich schwör’s. Er hat richtig gekichert und immer wieder „Violett, violett“ ausgeatmet. Manchmal hat er Mundgeruch. Das ist dumm, denn man mag es ihm ja nicht so ins Gesicht sagen. Andererseits hat man ihn während der ganzen Schneiderei in Riechweite. So war das wieder bei meinem letzten Besuch. Ich hab aber nichts gesagt, er war sowieso komisch drauf. Beim Auskämmen hat er so geziept, dass ich dachte, er will mich skalpieren. Und einer anderen Kundin hat er mit dem Lockenstab eine Strähne abgebrannt, und ich weiß, ich weiß es einfach, das war kein Versehen. Na ja, und heute, da war der Dennis nicht da. Ich hab Patrizia gefragt, wo denn unsere Augenweide abgeblieben ist, und sie hat gezwinkert, der macht jetzt die ganz große Karriere. Der Coiffeur Tanz, Friseurstar der Stadt, hat ihn abgeworben. Hat mich nicht gewundert, der mag solche Knaben und braucht die nicht nur zum Frisieren. Rother hatte so ein Glitzern in den Augen und tänzelte um mich rum beim Vorgespräch, als wäre es was Besonderes und nicht nur der gute alte Spitzenschnitt. Wie er die Schere geschwungen hat, das hat mir gar nicht gefallen. Überhaupt kein bisschen. Das war einfach zu dicht an meinem Ohr und Hals. Ich war froh, als Dennis reinkam. Er wollte sein Zeugnis so nicht haben und hat dem Rother gesagt, er soll ihm ein besseres schreiben. Und dann war plötzlich großes Kino. Der Rother hat nur noch gebrüllt. Er ist nach hinten gerannt zu den Waschplätzen und hat alle Wasserhähne auf eiskalt gestellt. Die Frauen haben aufgeschrieen. Dann ist er vor gerannt und hat die große Trockenhaube, die einzige übrigens, durch die Scheibe geworfen. Der Patrizia hat er die Schale mit der Strähnchenfarbe aus den Händen gerissen und der Kundin daneben über den Kopf gekippt. Und dann hat er sich das Rasiermesser geschnappt und ist auf den Dennis losgegangen. Ich dachte, der macht ihn alle. Der Rother wirkte plötzlich doppelt so groß. Dennis ist winzig geworden. Ich glaube, er hat sogar ein bisschen gewimmert. Und gewehrt hat er sich gar nicht. Rother hat geschnaubt und getobt und immer wieder das Messer angesetzt. Voll der Profi. Er hat Dennis geschoren. Komplett kahl. Sogar die Augenbrauen waren ab. Aber der Dennis hatte keinen Kratzer. Plötzlich sah der genauso dämlich aus, wie er ist. Und gar nicht mehr wie ein sexy Lustknabe. Und Rother hat gelacht und gelacht und gelacht.
mehr gibt es bei... www.gantenbein.de |
|||